top of page
ERWIN MANN
Wait. Who is this guy?
Er beißt abwechselnd in eine Leberkässemmel und in einen rosa Donut.
Wäh!, denke ich, will jedoch seine Essgewohnheiten nicht kommentieren.
Sie betritt Häuser wie das Wetter, halb auf der Durchreise,
halb noch bei fremden Leuten im Garten.
Das Loch in der Dorfwand war kein Schaden. Es war ein Vorschlag.
Tagelang ruft niemand an, aus Langeweile einen Schnauzer wie Matthias Platzeck wachsen lassen.
Die Vorstellung, das am Nachmittag im Nachbarhaus eingeworfene Kondulenzschreiben am Abend
im eigenen Briefkasten wiederzufinden.
Angst beim Kondulieren lachen zu müssen.
(Gefühl der Traurigkeit)
Die Dunkelheit in der Kirche erinnert sofort an Winter und die schwach von oben beleuchteten Köpfe
der Gemeinde geben, von hinten gesehen, ein Gefühl der Heimeligkeit.
Der Nachbar S. schnaubt durch die Nase, als er mich auf der Kirchenbank sitzend, ihn ansehen sieht.
Plötzlicher Stich im Bauch vor Peinlichkeit, als H., in die völlige Stille der versammelten Kirchengemeinde hinein,
beginnt umständlich ein Hustenzuckerl auszupapierln.
Bayesanisches Denken, jetzt auch bei Familienfeiern.
Ein Sonntag in Wien, unter Sonntagen der Welt aufgelöst in der Schwere der Unbetroffenen und Hermes Phettberg,
der Josef Fenz aus Hollabrunn, der Fenz in Gumpendorf, der römischkatholische, gefirmte, warme, sadomasochistische,
selbsternannte Herrscher in Frührente, lässt nur wenige Sekunden nach dem ersten Klingeln anstandslos und
rückfragefrei den Türöffner summen und fünf Stockwerke später sieht man ihn, an der Schwelle seiner Wohnung,
befremdet von dem offenbar ungewohnten Geräusch seiner eigenen Glocke, auf Erlösung wartend und auf Auslöschung
vorbereitet.
Erinnern Sie sich an mich? Er tut es nicht. Dann doch. Ich bin auf seiner Liste, der nie-mehr-wieder-Liste.
Ich schwitze. Wir stehen in der Küche, hier liegt der gleiche, vierzig Jahre alte, rot-schwarz melierte PVC-Boden mit
aufgerissenem Stoß, wie in der Küche meiner Großmutter. Sieben Jahre sind vergangen seit ich ihn zuletzt gesehen habe,
jetzt blickt er nach oben, meine ihm zugefügte Kränkung suchend:
„Ich habe beschlossen nicht mehr aufzutreten, ich bin gerade dabei nicht mehr zum ORF zurück zu wollen!"
Nun wäre der Augenblick zu gehen, ich klebe am rot-schwarz melierten PVC und er öffnet unvermittelt seine
Kühlschranktür: Neben einer dreier Packung Knacker nur völlige Leere. „Kommen Sie!“ sagt er und steigt gebückt mit
dem Kopf voran in den Kühlschrank, ich hinterher. „Sie glauben ja nicht, wie schwer mir alles fällt, seit Monaten
konnte ich meine Haare nicht mehr waschen“, lamentiert er, während hinter uns die Kühlschranktür zufällt und das
Licht ausgeht.
„Ich verstehe nicht wie ich auf ihre Liste gekommen bin", es wird immer ungemütlicher.
„Das ist doch völlig nebensächlich", entgegnet Phettberg, „hier drinnen herrsche ich absolut und absolute Herrschaft
ist immer willkürlich!" Ich sitze in der Falle: „Aber ich bin mir keiner Schuld bewusst..." „Sie wähnen sich also von mir
unschuldig schuldig gesprochen? Es wäre ein Gefühl der größten Lust für mich, wenn ihr Kollege vor dem
Kühlschrank, sagen wir morgen, mit meiner DNA im Arsch, tot aufgefunden wird, ich ihn aber nicht umgebracht habe,
also unschuldig bin! Reinen Gewissens könnte ich der Strafe entgegensehen und wüsste mich versorgt!"
Ich starre festgefroren in die Dunkelheit. „Kommen Sie weiter, da hinten sind Stühle die mein Großvater 1907 selbst
gemacht hat, ich besitze nur alte Möbel und Kleider, für etwas Neues kann ich kein Geld ausgeben" fährt er,
ein Streichholz anzündend, fort.
Der Kühlschrank erweist sich im Inneren viel geräumiger als er von außen wirkt, aber außer den beiden Stühlen und der
dreier Packung Knacker, gleich am Eingang, ist er ja leer, denke ich, dicht hinter Phettberg auf dem vereisten
Kühlschrankboden in Richtung der großväterlichen Stühle rutschend.
„Wim Duisenberg ist tot!" ruft Phettberg,
„Was?" es wird windiger, wir sind bei den Stühlen angekommen.„Meine Schulden sind bereits bei fünfzigtausend Euro
gelandet und mit jedem Schritt außer Haus werden sie mehr. Neulich fuhr ich nach Köln, die Gage war so gering, dass ich
sie schon auf dem Weg im Speisewagen verbraucht habe. Verstehen Sie? Das ist das Problem! Der Aufwand mich aus meiner
Wohnung zu schleppen, in einem für mich viel zu engen Sitz im Flugzeug oder Zug oder Theater Platz zu nehmen, all diese
Kränkungen die mir dabei widerfahren, können von diesen geringen Aufwandsentschädigungen, von diesen viel zu kleinen
Gagen, niemals gedeckt werden! Jedes außer Haus gehen“, sagt er auf dem Stuhl im Kühlschrank sitzend, „ist die Hölle und
bringt literweise Schweiß, Stress und Panik, jeder Termin bedeutet fünf Kilo Fett und tausend Euro Schulden mehr! Um außer
Haus gehen zu können, müsste ich zuvor einen Friseur aufsuchen, mir neue Kleider in passender Größe kaufen und diese auch
noch ab und zu waschen, wissen sie was mich alleine ein Besuch im Waschsalon an Mühe und Geld kostet? Kleider in meiner
Größe sind so gut wie nicht vorhanden, ich brauche Spezialanfertigungen, die ich mir natürlich nicht leisten kann, dieses blaue
Hemd, das ich gerade trage ist mittlerweile siebzehn Jahre alt und das einzige das mir noch passt!"
Das blaue Hemd reicht ihm bis zum Bauchnabel, ich drifte rückwärts auf dem großväterlichen Stuhl ins Dunkle des Kühlschranks, Phettberg verschwindet langsam im Nebel und stellt sich zum Abschied kurz auf die Zehenspitzen:
„Wenn sie Afrika erreichen, richten sie bitte aus, dass die Knacker diese Woche nur für mich reichen, alles Liebe!"
Lügenbold. Ups, die Nase..
Hirntod sitze ich in der Hitze und sehe dem Gras beim Sterben zu. Mein Kopf hat mittlerweile Form und Größe
einer Rosine, vielleicht sollte ich was trinken. Ich sehe aus, als ob mein Leben grad an mir vorüberzieht, während
Karl neben mir nicht aufhört zu reden.
Weltherrschaft, aber beiläufig.
FULL SPECTRUM DOMINACE, aber bitte so, als wäre es dir beim Bäcker eingefallen.
Stolpern, nicht campen, Mr. Cheung!
Auf Instagram hätte ich heute schon 3 x "Sommer", 2 x "Hook" und 1 x "Leberwurst" kommentieren sollen.
Feeding the monster is the new 15 minutes of fame.
Hey, it´s me. It´s Erwin.
Lost in algorithm.
Halb Mensch, halb Gordon Bleu.
Erwin was here.
FREE ERWIN!
bottom of page